Am seidenen Faden – Entwicklungsarbeit in Konfliktgebieten

Pierre Lukaszewski von MEDAIR befasst sich mit den Herausforderungen von Frieden und Krieg für die Arbeit von NGOs.

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26 Juni 2025
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Die Originalsprache dieses Textes ist Französisch

Ein Blick auf die heutige Weltlage gleicht dem Öffnen der Büchse der Pandora. Dabei war das nicht immer so. Nach den verheerenden Konflikten des 20. Jahrhunderts zogen viele Menschen ab 1945 Lehren daraus und engagierten sich für den Aufbau einer „neuen Weltordnung“. Internationale Organisationen wurden gegründet, um den Frieden zu sichern. Sie unterstützten Initiativen zur Eindämmung des Wettrüstens und förderten eine Marktwirtschaft, von der möglichst viele Menschen profitieren sollten. Diese Nachkriegswelt war gewiss nicht perfekt, sie blieb vielmehr in zwei atomar bewaffnete Machtblöcke gespalten. Doch man durfte hoffen, dass im Kontext dieses relativen Friedens das Gleichgewicht des Schreckens den Schrecken des Ungleichgewichts überwiegen könnte.

Im Jahr 2024 holte uns jedoch die harte Realität ein. Mit Entsetzen müssen wir feststellen: Noch nie seit 1946 gab es weltweit so viele bewaffnete Konflikte wie im vergangenen Jahr, ein neuer trauriger Rekord, der den aus 2023 übertrifft. Kein Kontinent bleibt verschont. Nicht einmal Europa, das sich geschworen hatte, sich nie wieder erwischen zu lassen. Während wir sorgfältig unsere Sommerferien planen, schlagen nur wenige Flugstunden von Genf entfernt Stahlgewitter über ukrainische Städte ein und treffen oft unter Missachtung der grundlegendsten völkerrechtlichen Konventionen unterschiedslos Militärs, Zivilisten und Zivilistinnen. Menschen fliehen vor den Kämpfen, Gefangene werden kaltblütig erschossen, Vergewaltigung wird zur banalen Kriegswaffe.

Um das Bild der Unvollkommenheit zu vervollständigen kommen weitere Missstände dazu: grassierende soziale Ungerechtigkeit, der ungebremste Wettlauf um die für moderne Technologien unverzichtbaren „Metalle der Seltenen Erden“ oder die Folgen des Klimawandels, die immer mehr Menschen zur Flucht vor Dürren oder Überschwemmungen zwingen. Gleichzeitig fehlen Entwicklungsorganisationen und NGOs zunehmend die Mittel, um diesen Herausforderungen wirksam zu begegnen. Konflikte verhärten sich oder eskalieren weiter, Vertreibung wird zur Dauerrealität, sichtbar etwa in Syrien, im Libanon oder im Sudan.

Welche Rolle können humanitäre Organisationen in solch einem volatilen Umfeld überhaupt noch einnehmen? Kann unser Einsatz vor Ort die Waffen zum Schweigen bringen? Geben wir es mit aller Bescheidenheit zu: Manchmal ja, in den meisten Fällen jedoch nein. Humanitäre Hilfe hängt von der lokalen Lage und vom Wohlwollen der Akteure vor Ort ab. Wir müssen mit ihnen verhandeln, zusammenarbeiten und zusammenleben, egal ob es sich um Rebellen oder Regierungssoldatinnen, Politikerinnen, religiöse Würdenträger oder lokale Führerinnen handelt. Nur so erreichen wir die Schwächsten. Wir wollen, dass unsere Arbeit nachhaltig und langfristig wirksam ist. Deshalb ermitteln wir den jeweiligen Bedarf und ergreifen schnellstmöglich Massnahmen, um das Leid zu lindern, stets in enger Zusammenarbeit mit den lokalen Gemeinschaften.

Aber was tun, wenn schwer bewaffnete Milizen die Bevölkerung terrorisieren und unterausgestattete Friedenstruppen offen herausfordern, wie derzeit in Haiti? Was, wenn unsere Lagerhäuser mit Lebensmitteln, Medikamenten und Hilfsgütern geplündert und niedergebrannt werden, wie kürzlich im Nordosten des Kongo? Was, wenn humanitäre Helfer und Helferinnen unter Beschuss geraten, wie zuletzt in Gaza?

Fakt ist: Wir können Kriege nur selten verhindern. Meistens stehen wir vor vollendeten Tatsachen. Doch auch inmitten von Chaos und den schlimmsten Gräueltaten können wir Alternativen aufzeigen, Entwicklungen unterstützen und Begleitmassnahmen ergreifen.

Dafür ist es unerlässlich, in die Ausbildung unserer Mitarbeitenden zu investieren. Sie müssen mit klarem Auftrag, eindeutigen Anweisungen und umfassenden Landeskenntnissen vor Ort eintreffen. Der Kontakt zur lokalen Gemeinschaft muss immer im Vordergrund stehen. Die Sicherheit der Teams muss für die Führungskräfte ein ständiges Anliegen sein. Und die Aufgaben jedes Einzelnen sollten klar definiert sein, damit sich trotzdem alle in diesem feindseligen und riskanten Umfeld täglich entfalten können.

Wir dürfen zudem nie vergessen, dass unsere Einsätze nicht von zu langer Dauer sein sollten. Wenn wir zu lange bleiben, drohen Routine, die Hilfe wird als selbstverständlich angesehen und ein Verlust des ursprünglichen Auftrags schleicht sich ein. Wir laufen in Gefahr, zu Geiseln einer Situation zu werden, die uns dorthin führt, wo wir nicht hinwollen. Ziel ist es, den Menschen vor Ort zu helfen, sich selbst zu helfen. Wir wollen sie dazu befähigen, Projekte mit unserer Unterstützung so schnell wie möglich eigenständig umzusetzen, weiterzuführen – oder sogar zu verbessern. Das ist das oberste Ziel unserer Arbeit.

Natürlich braucht es dafür auch finanzielle Sicherheit. Ohne Geld keine NGOs. Der abrupte Rückzug amerikanischer Gelder zu Beginn dieses Jahres hat uns einmal mehr vor Augen geführt, wie wichtig es ist, unsere Finanzierungsquellen zu diversifizieren und tragfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln. Auf unbegrenzte Grosszügigkeit zu hoffen, ist illusorisch. Was wir aber tun können, ist: vorbildlich, verantwortungsvoll und transparent zu arbeiten und so unseren Mehrwert sichtbar zu machen. Dieser Mehrwert verdient es, geschätzt und unterstützt zu werden.

Abschliessend möchte ich sagen, dass wir niemals die Hoffnung in den Menschen und in eine bessere Welt verlieren dürfen. Erlauben wir uns Träume und haben wir die feste Entschlossenheit, einige davon zu verwirklichen. Auch wenn Kriege heute fast schon als unvermeidlich erscheinen, auch wenn Menschen für ein Stück Land, einen Kanister Wasser oder etwas Benzin töten und sterben, da sich der Horizont mit schwarzen Wolken bedeckt… lasst uns weiter beten. Flehen wir Gott um seine Hilfe in schwierigen Zeiten, um seine Weisheit in Momenten, in denen wir keinen klaren Weg sehen, und um seine Unterstützung in unserer Not. Das ist zwar wenig, kann aber so viel bewirken. Wir werden Kriege sicherlich nicht verhindern können, aber unser Glaube und unsere Werte geben uns Hoffnung. Wir haben die Freiheit, Gutes um uns herum zu tun oder tatenlos zuzusehen.

 


Pierre Lukaszewski, Leiter der Abteilung Philanthropie bei MEDAIR.


 

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