Wie lange warst du bei StopArmut und was hat dich damals hierhergeführt?
Ich war jetzt genau sechs Jahre bei StopArmut. Nach meinem Theologiestudium an der Universität in Fribourg suchte ich eine Stelle, die möglichst Gesellschaft und Theologie miteinander verbindet. Gleichzeitig wollte ich gerne doktorieren. Irgendwie hat es sich so gefügt, dass bei StopArmut eine Stelle frei wurde und ich kurz darauf meine Doktorarbeit zum Thema Ökonomisierung bei Hilfswerken begann. Praxis und Theorie konnten sich wunderbar ergänzen.
Was hat dich während deiner Zeit hier immer wieder motiviert?
Gesellschaftliche Themen theologisch zu durchdenken und andersrum. Hier kann StopArmut im Vergleich zu den Kirchen im Optimalfall eine Ergänzung sein: Auch Kirchen denken ab und zu im Sinne von Suchet der Stadt Bestes, stehen aber stark in der Versuchung, wie ein Wirtschaftsunternehmen oder politische Partei wachsen zu wollen bzw. ihren Einfluss zu halten. Auf dieser Ebene ist StopArmut völlig unverbrämt. Theologisch ausgedrückt: StopArmut kann ihre prophetische Stimme pointierter wahrnehmen als etwa Kirchgemeinden. Genau diese Herausforderung trieb mich an.
Was hat dich an der Arbeit bei StopArmut besonders geprägt?
Vieles! Zwei Aspekte möchte ich aber hervorheben, die mich stark prägten und ich auch für meine zukünftige Arbeit mitnehme.
Erstens Beziehungen: Auch die besten Projektideen und Strategien ersetzten bei einer Arbeit wie StopArmut nicht den Wert der Beziehungen. In Prioritäten ausgedrückt: erstens Beziehungen, zweitens Ideen und Kreativität, gefolgt von Umsetzung. Fairerweise muss man sagen: Um Erfolg zu haben, muss von allem etwas vorhanden sein. Bei den Beziehungen kommt noch hinzu: Sie verleihen der Arbeit einen Sinn und halten uns lebendig. Das führt am Ende wohl sogar zu einer natürlichen Effizienzsteigerung unserer Arbeit, ohne künstlichen Druck aufbauen zu müssen.
Zweitens Wirkungsmessung: Der Wirkungsgrad unserer Arbeit, an dem wir letztendlich gemessen werden, hängt stark vom gesellschaftlichen Kontext ab. Ein Beispiel: Während meiner Zeit bei StopArmut gab es starke geopolitische Einschnitte wie etwa der Ukrainekrieg. Das hat indirekt Auswirkung auf StopArmut und konkret auf die Entwicklungszusammenarbeit. Plötzlich wird an allen Enden und Ecken gespart. Das heisst: Man macht nicht zwingend schlechtere Arbeit, sondern der veränderte Kontext senkt womöglich den Wirkungsgrad, der meist ja anhand von Zahlen ausgedrückt wird. Daraus lerne ich: Wachstum wie Stagnation sollte man nicht zu stark an die eigene Person knüpfen, da unser Wirken oft vom größeren Kontext abhängt. Viel wichtiger ist: Was ist mir an der Arbeit wirklich wichtig, unabhängig vom äusseren Erfolg? Oder anders gefragt: Was ist meine Berufung?
Was war dein persönliches Highlight während deiner Zeit?
Da gab es etliche. Eines der Highlights war der Fastenbegleiter, besonders die ökumenisch ausgerichtete Autor:innenschaft. Der erste Fastenbegleiter funktionierte vor allem über Beziehungen: Ich erzählte zwei, drei Leuten von der Idee des Fastenbegleiters. Sie waren begeistert und empfahlen weitere, bis am Ende knapp 10 fachlich ausgezeichnete Autor:innen mitmachten. Das zeigt für mich die Stärke gelebter Beziehungen, die über die eigenen hinausgehen.
Auch inhaltlich traf es theologisch den Nerv: Der Fastenbegleiter nimmt Menschen auf eine spirituelle Reise mit. Interessanterweise gab es kaum Appelle zur Verantwortungsübernahme, und dennoch haben einige Lesende gespiegelt, dass sie verstanden haben, wie tief unser Glaube mit dieser Erde verbunden ist.
Ähnlich war für mich das Klimagebet, das StopArmut 2023 mit mehreren Organisationen in der Heiliggeistkirche in Bern organisierte. Es war ein unaufdringlicher, aber zutiefst berührender Gottesdienst.
Eine solche Theologie wünsche ich mir öfters in den Kirchen: Prophetisch, gelebte Gemeinschaft, die zutiefst mit dieser Erde und den Menschen verbunden ist.
Wie geht es für dich nun weiter?
Ab September leite ich neu die Fachstelle Migration & Integration der Katholischen Kirche der Stadt Luzern. Mit meinem Abschluss der Dissertation geht gleichzeitig die Arbeit bei StopArmut zu Ende und so bricht nun ein neuer Abschnitt an. Thematisch wird die neue Arbeit sicher etwas anders sein, dennoch gibt es viele Überschneidungen.
Gibt es noch etwas, das du sagen möchtest?
Ich möchte mich vor allem bedanken. Zuerst beim StopArmut/Interaction-Team: ein heterogenes Team mit unterschiedlichen Begabungen und Ansichten, von dem ich viel lernen und schätzen konnte, auch wenn mir nicht alle Gedanken entsprachen.
Ebenso schätze ich die Interaction-Mitglieder und den Vorstand, die vielen Organisationen und Kirchen, mit denen wir zusammengearbeitet haben, und vor allem die persönlichen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen, mit denen ich punktuell ein Projekt stemmen konnte oder die unsere Arbeit finanziell treu unterstützt haben.
Ich werde euch vermissen und hoffe auf die eine oder andere Begegnung in der Zukunft! 🙂
Danke Lukas für deinen Elan all die Jahre und deinen gigantischen Einsatz! Wir wünschen dir alles Gute und Gottes Segen für deinen neuen Abschnitt.



