Laboratorium: Welche Grundlage braucht die zukünftige Kirche?

Im vergangenen Sommer haben Anja Eschbach und ich, Lukas Gerber, Eco Church Network intern evaluiert – bewusst anders. Wir stellten Fragen, deren Antworten wir nicht kannten. Studien zeigen: Die Bewahrung der Schöpfung ist vielen wichtig. Also ein Top-Thema in den Kirchen? Eher nicht. Darum luden wir Personen ein, die das Thema prägen – als Fachleute oder in leitender Verantwortung für viele Kirchgemeinden. Die Evaluation glich einem Laboratorium: Menschen aus katholischer, reformierter und freikirchlicher Tradition (Heilsarmee, Viva Kirche/Chrischona, BewegungPlus) entwickelten gemeinsam neue Perspektiven. Das Ergebnis war kraftvoll und herausfordernd – Wege, die bisher kaum beschritten wurden.

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Kirche2
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24 Februar 2026
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Die GeNa-Studie zeigt: Viele Kirchenmitglieder verknüpfen Schöpfungsbewahrung eng mit ihrem Glauben. Und doch bleibt die Umsetzung zögerlich – warum?

 

„Ressource“ als Messgrösse?

Evaluationen folgen meist dem bekannten Muster: Ist-Zustand erfassen, Ziel definieren, Maßnahmen planen. Grafisch sieht es dann stark vereinfacht ungefähr so aus:

Eine Person oder Gruppe setzt ein Ziel fest und überprüft, ob das Ziel erreicht wurde. Meist werden messbare Zwischenziele definiert, um am Ende die „Bergspitze“ zu erreichen.

Auffällig ist: Projekte werden fast nur in Ressourcen gedacht und gemessen. „Ressourcen“ sollen vermehrt, gesenkt oder optimiert werden. Ein Beispiel: Beim Klima heißt es, CO₂-Ausstoss reduzieren, also in neue Technologien investieren.

Auch Menschen werden schnell zu messbaren Größen: Zum Beispiel in Gemeindeentwicklung. Stagnierende Gemeinden müssen Strategien für Wachstum erhalten. Erfolg oder Misserfolg wird sehr schnell auf die Ressource “Mitglied” reduziert.
Kann es auch anders gehen? In unserer Evaluation haben wir genau das ausprobiert; einen Weg jenseits der üblichen Ressourcenlogik.

 

Kirchenleitung als Flaschenhals?

Warum halten sich die konkreten Umsetzungen der Schöpfungsbewahrung trotz breiten Interesses in Grenzen? Liegt es an Kirchgemeindeleitungen? Wir starteten einen offenen Prozess mit Personen, die eng mit Leitungsgremien verbunden oder selbst für Gemeindeverbände verantwortlich sind. Statt allein Lösungen vorzuschlagen, fragten wir gemeinsam: Was braucht Eco Church, um echten Mehrwert zu bieten? Die Offenheit ohne festes Ziel machte den Prozess äußerst kreativ. Dass Menschen aus unterschiedlichen Traditionen teilnahmen reduzierte die Gefahr, sich auf eine bestimmte Richtung zu beschränken.

 

Methodik und Fragestellung

Wir arbeiteten entlang der klassischen Schritte «Orientierung – Sehen – Urteilen – Handeln», wobei beim Schritt Sehen zwei völlig entgegengesetzte Fragen uns leiteten:

  • Welche Verbesserung braucht es, damit doch noch eine breite ökologische, nachhaltige Weise in den Kirchen und in der Gesellschaft ankommt?
  • These: Eine nachhaltige Gesellschaft ist gescheitert. Was bräuchten Kirchgemeinden vor dem Hintergrund von globalen und lokalen Herausforderungen?

Die bewusst stark entgegengesetzten Richtungen dienten vor allem dazu, in kurzer Zeit zu einem Ergebnis zu gelangen.

 

Ergebnis: Zwei verschiedene Grundausrichtungen

Die stark auseinanderdiverdierende Fragestellung zeigt, wie sehr die vorausgesetzte Perspektive Verständnis und letztendlich Handeln prägt:

  • Auf die erste Frage folgten strukturelle Antworten (Ausbildungsstätten prägen, Ziele in der Kirchenleitung verankern usw.)
  • Erste Fragestellung: Es ging vor allem darum, Machtmöglichkeiten auszuschöpfen und durchzusetzen. Man steht in Konkurenz mit anderen Angeboten und muss Menschen von seiner Sicht überzeugen.
  • Auf die zweite ganz andere: eine hörende Kirche sein; bei Menschen sein, wo Angst ist; Kirche als Hoffnungsort
  • Zweite Fragestellung: Sie rückte Beziehungen in den Vordergrund und legte eine Theologie nahe, die am Menschen ansetzt: Was sind seine Ängste? Wie kann Gott in der Schöpfung erlebt werden? Dieser Ansatz verschiebt den Fokus von Strukturen hin zu Beziehung.

 

Interpretation der Ergebnisse

Ein Grund, warum diese Gedanken entstanden, lag in der zweiten Fragestellung: „Eine nachhaltige Gesellschaft ist gescheitert. Was bräuchten Kirchgemeinden unter diesem Blickwinkel?“ Wenn nichts mehr zu gewinnen oder zu verlieren ist, tritt der fetischhafte Blick auf Ressourcen zurück. Die sonst überproportionale Fokussierung auf Ressourcen öffnet Raum für neue Perspektiven. Das Brainstorming zur zweiten Fragestellung führte zu zwei gleich wichtige Optionen:

  • Hinwendung zum Menschen im Sinn von diakonischem Handeln
  • Eine tragfähige Theologie, die Menschen auch durch Krisen trägt

Eine tragfähige theologische Grundlage ist neben dem Dasein für andere, zentral: Wenn etwa Extremwetterereignisse aufgrund von Erderwährmung zunehmen, dann muss eine ökologische Spiritualität umso stärker ihren Grund in der Theologie haben, die lautet: Gott meint es gut.[1]

Die Bewahrung der Schöpfung verliert gerade nicht an Bedeutung, auch wenn oberflächlich betrachtet es danach aussieht, als wäre sie unbedeutend. Aber weil die eigene Fähigkeit nicht mehr Dreh- und Angelpunkt ist, eröffnen sich neue Denkwege. Im Kern ist es ein Glaube, der zutiefst auf Gott geworfen ist und Mitmenschen sowie Mitgeschöpfe einschließt. So entsteht ein Glaube der Solidarität, der nicht auf moralische Imperative setzt, um Menschen zu Solidarität zu zwingen.[2]

Aber dennoch: Wer theologisch von dieser Grundlage ausgeht, Gott meint es gut heißt das nicht, dass es keiner weiteren Worte bedarf. Wie jemand im Brainstorming sagte, es braucht manchmal auch “Übersetzungen”, damit die Schöpfung in unser Denken und Handeln miteinbezogen wird, das nicht automatisch vorhanden ist.

Menschen können grausam sein, einander verletzen oder feige vor Unrecht wegschauen. Sie können aber auch für andere da sein und gegenseitig für sich und für andere Verantwortung übernehmen. Warum trauen wir unseren Mitmenschen nicht mehr zu, dass sie sich um ihre Mitwelt kümmern? Vielleicht liegt es an unserer Theologie, die oft nur in Kategorien von „Ressourcen“ denkt – etwa: Wie können Kirchen wachsen? Wie können wir nachhaltig sein? – statt von der theologischen Grundannahme auszugehen: Gott meint es gut. Oder, wie jemand im Brainstorming sagte: „Mit dem Schöpfer schöpfen.“ Was macht uns Angst, wenn der Fokus nicht auf Ressourcen liegt, sondern auf Beziehungen, die oft fluid sind?

 

Zu guter Letzt

Die zweite Fragestellung empfand ich als besonders hoffnungsvoll: Sie eröffnete neue Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten, obwohl äußerlich das Gegenteil zu erkennen ist. Sie trifft wohl auch die künftige kirchliche Realität: sinkende Mitgliederzahlen, geringere Mittel, schwindende institutionelle Bindung – gefragt sind agile Formen und intrinsisch motivierte Personen.

Passend dazu sagte eine Person im Brainstorming, die sozusagen den grüne Güggel von Deutschland in der Schweiz brachte, dass Schöpfungsbewahrung nach ihrer Erfahurung nach fast ausschließlich mit Menschen funktioniert, die selbst davon begeistert sind. Menschen die bloss auf Dienstanweisung etwas umsetzen, funktiniert nicht.

Nach meiner Einschätzung müsste die zweite Fragestellung und die entsprechenden Antworten dringend weiter entwickelt werden. Eine “hörende” Kirche, die für Menschen da ist, lässt neue Ideen und Dynamiken entstehen. Sie ist nicht von Angst geprägt, sondern vom Intersse am Anderen. Der Andere ist keine Ressource, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut.

Aber: Ein grundlegender Fehler wäre, zu denken, es gäbe ein Entweder-oder: Die Ergebnisse der ersten Fragestellung sind ebenso wichtig. Leitplanken und Orientierungshilfen bleiben nötig. Wir brauchen gewisse Strukturen, die sehr hilfreich sein können, um dem Thema Bewahrung der Schöpfung zu begegnen.

Dennoch liegt der eigentliche Mehrwert der Kirchen in ihrem größeren Horizont, den nur Religionen bieten können, nicht die Politik. Religion muss Religion bleiben; wenn sie sich von der Macht verführen lässt, wird sie zur Politik – und am Ende keine “bessere” Politik. Der christliche Glaube ist und bleibt eine wichtige Stimme in unserer Gesellschaft, unabhängig davon, ob Kirchen wachsen, stagnieren oder schrumpfen. Mutige Schritte und neue Wege sind notwendig, ohne das Vergangene zu verachten oder das Rad neu erfinden zu wollen. Dazu hilft, neue Fragen zu stellen, die über “Ressourcen” hinausgehen.

 


 

[1] Natürlich ist auch das Gegenteil denkbar: Wenn es uns allen, oder mindestens einigen so schlecht geht, dann kann es keinen guten Gott geben.

[2] Im Brainstorming fiel etwa der Satz, der es gut auf den Punkt bringt: „Die Aktion ‘Helfen’ hat ihren Sinn in sich und ist erfüllend – unabhängig davon, ob einem Tier oder Menschen geholfen wird.“

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