Thema der StopArmut-Konferenz 2026: Arme Welt – Wie weiter?

Am 31. Oktober 2026 findet im Zwinglihaus in Basel die 17. StopArmut Konferenz statt. Unter dem Thema "Arme Welt – Wie weiter? Wie globale Armut uns prägt und wir gemeinsam dagegen aufstehen können" wollen wir uns Fragen der globalen Armutsbekämpfung annehmen. Im Jahr 2015 verabschiedeten 193 Staaten gemeinsam die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs). Im Zentrum steht SDG 1: Keine Armut, mit dem ambitionierten Ziel, Armut in all ihren Formen weltweit zu beenden – bis 2030. Heute stellt sich die Frage: Was ist aus diesem gemeinsamen Aufbruch gegen die Armut geworden? Was bedeutet es, in einer zunehmend komplexen und unsicheren Welt verantwortungsvoll zu handeln, für eine gerechtere Zukunft für alle?

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14 Mai 2026
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Leben, Multiplizieren

«Während ich dies schreibe, im November 1971, sterben Menschen in Ostbengalen an Mangel an Nahrung, Obdach und medizinischer Versorgung. (…) Die Entscheidungen und Handlungen von Menschen können dieses Leid verhindern. Leider haben die Menschen die notwendigen Entscheidungen nicht getroffen.»[1]

Mit diesen Worten prägte der Philosoph Peter Singer 1972 sein einflussreichstes Werk Famine, Affluence and Morality (dt. Hunger, Wohlstand und Moral). Aus utilitaristischer Perspektive argumentiert er, dass wenn wir die Möglichkeit haben, Leid zu verhindern, wir moralisch verpflichtet sind, dies zu tun, auch über unser unmittelbares Umfeld hinaus.

SDG 1 Armut in all ihren Formen weltweit zu beenden – Wo stehen wir heute?

Dieselbe Überzeugung, dass „mehr möglich ist“, fand 2015 ihren politischen Ausdruck: 193 Staaten verabschiedeten gemeinsam und einmütig die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs). Im Zentrum steht SDG 1: Keine Armut, mit dem ambitionierten Ziel, Armut in all ihren Formen weltweit zu beenden – bis 2030. Die Vision war klar, der Konsens historisch.[2]

Heute stellt sich die Frage: Was ist aus diesem enthusiastischen, gemeinsamen Aufbruch gegen die Armut geworden?

Ein Blick auf die vergangenen Jahrzehnte zeigt zunächst beeindruckende Fortschritte. Seit 1990 ist die extreme Armut weltweit stark zurückgegangen, ein unglaublicher Erfolg, getragen unter anderem von den Millennium Development Goals (MDGs), weshalb, dem Wunsch folgend, auf dieser Welle weiterreiten zu können, die 2015 SDGs verabschiedet wurden. Doch der positive Trend ist ins Stocken geraten. Die COVID-19-Pandemie hat Fortschritte um Jahre zurückgeworfen. Seither verschärfen Inflation, Klimakrisen und bewaffnete Konflikte die Situation zusätzlich.

Heute lebt noch immer rund jeder zehnte Mensch weltweit in extremer Armut, also etwa 808 Millionen Menschen, wobei die Last besonders schwer auf Subsahara-Afrika und von Konflikten betroffenen Regionen liegt. Gleichzeitig steigt der Hunger wieder an und hat ein Niveau erreicht, das zuletzt um 2005 beobachtet wurde, wobei seit 2019 auch allgemein ein anhaltender Anstieg von Lebensmittelpreisen in einer grösseren Anzahl von Ländern, im Vergleich zum Zeitraum von 2015-2019, beobachtet werden kann. Die Weltbank fordert deshalb eine deutliche Intensivierung der Bemühungen, insbesondere beim Ausbau sozialer Sicherungssysteme und der Finanzierung grundlegender Dienstleistungen für die am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen einzusetzen. [3]

Aufrüstung wird finanzielle Konkurrentin der Entwicklungszusammenarbeit

Doch dass die Staaten aktuell kein besonders grosses Interesse an verstärktem Effort zur Bekämpfung von Armut weltweit haben, zeigt sich darin, dass weltweit und auch in der Schweiz die Entwicklungszusammenarbeit zunehmend unter Druck gerät. Politische Prioritäten verschieben sich, etwa zugunsten steigender Verteidigungsausgaben. So beschloss das Schweizer Parlament Ende 2024, die Militärausgaben deutlich zu erhöhen, teilweise kompensiert durch Kürzungen in der internationalen Zusammenarbeit.[4] [5]

Wie geht es Schweizer Hilfsorganisationen in der IZA also aktuell? Was bedeutet das konkret für Organisationen, die sich weltweit gegen extreme Armut einsetzen? Und welche Signale senden solche Entscheidungen?

Armut als Ausdruck zerbrochener Beziehungen

Gleichzeitig scheint auch die moralische Dringlichkeit, wie sie Singer formulierte, an Kraft zu verlieren. Bilder von Armut und Leid sind allgegenwärtig, oft fühlen wir bei Ihrem Anblick beides: tiefer Schock und gleichzeitig eine noch viel grössere Normalität, weil uns die Bilder und Geschichten aus den Medien, die Bilder, die uns Hilfsorganisationen zeigen, längst vertraut sind, obwohl wir intuitiv wissen, dass diese Realität nicht «normal» sein sollte.

Demgegenüber steht nämlich eine biblische Verheissung: Ich aber bin gekommen, um ihnen das Leben in ganzer Fülle zu schenken. Johannes 10.10.

Dieses Leben in ganzer Fülle umfasst alle Aspekte des Menschseins: Sein, Haben, Tun und Interagieren. Es ist zutiefst relational gedacht.[6]  Interessant ist dabei ein Blick auf die Wortwurzel von «arm»: so wird der Ursprung entweder im germanischen arƀma– oder im griechischen erḗmos (ἐρῆμος) vemutet, die beide die Bedeutung von vereinsamt/verlassen tragen.[7] Armut hat also in diesem Sinne mit Beziehungslosigkeit zu tun. Diesen Ansatz nehmen wir auch in der Bibel wahr: Armut ist Ausdruck zerbrochener Beziehungen durch den Sündenfall: zu Gott, zu anderen Menschen, zu uns selbst und zur Schöpfung. Ungerechtigkeit und Not sind Symptome dieser grundlegenden Trennung. Gleichzeitig zieht sich Gottes Herz für die Armen und Unterdrückten wie ein roter Faden durch die Bibel.[8]

Einseitige Darstellung von Armut

Entscheidend dafür, wie wir Armut nun begegnen, ist ausserdem, wie wir sie verstehen. Im globalen Diskurs wird Armut häufig primär ökonomisch definiert, etwa durch die Armutsgrenze (weniger als 3 USD täglich) der Weltbank. Doch, ohne die dramatische Realität materieller Armut weltweit zu relativieren, greift diese Sicht zu kurz. Schon Aristoteles hielt fest: «Reichtum ist gewiss nicht das gesuchte oberste Gut. Er ist nur ein Nutzwert: Mittel für andere Zwecke.»[9] Ansätze wie der Multidimensionale Armutsindex (MPI) sowie auch der Glücklichkeitsindex anerkennen indessen, dass Armut komplexer ist.

Schweizer Betroffenheit: Unterschiedliche Erscheinungsformen, ähnliche Erfahrungen

Bei uns zeigt sich Armut häufig in Form von Werte-Bankrott einhergehend mit Desillusion, Konkurs zwischenmenschlicher Beziehungen und damit verbundener Isolation, Entwertung von geistlichem und geistigem Reichtum, der uns arm und dennoch religiös erscheinen lässt. Weltweit eher in Form von Bedrängnis lebensnotwendiger Ressourcen, fehlende Entscheidungsmöglichkeit durch fehlende Optionen bezüglich Lebens- und Alltagsentscheidungen, Beschränkung durch fehlende Sicherheit auf unterschiedlichsten Ebenen. Dass Armut sich weltweit so verschieden zeigt, ist wiederum Ausdruck globaler Ungerechtigkeit sowie ungleicher Machtverhältnisse zwischen Ländern und innerhalb von Ländern.

So unterschiedlich diese Erscheinungsformen sind, sie teilen zentrale Erfahrungen: Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Angst vor der Zukunft, eingeschränkte Freiheit und Spielräumen, eine übermässige Wichtigkeit des Bedürfnisses, sinkende Risikobereitschaft und dadurch schlechtere Entscheidungen in diesen Bereichen. [10]

Arme Welt – Wie weiter?

Wie können wir vor diesem Hintergrund heute auf Armut antworten? Welche Ansätze helfen wirklich, Armut zu überwinden? Was hilft Menschen, aus Armut herauszufinden? Wie können wir Armut wirksam bekämpfen? Wie können wir in unsicheren Zeiten für eine bessere Welt handeln?

Und wer trägt die Verantwortung, um etwas gegen Armut zu tun? Sind es die Verursacherinnen und Verursacher, sind es diejenigen, welche die Möglichkeit dazu haben, ergibt sich Verantwortung aus unseren Beziehungen oder einem System oder politischen Strukturen? Ist es Aufgabe des Staates oder Aufgabe von jeder und jedem individuell? Und dann ist da noch die Kirche, die sich, durch die Geschichte hindurch, die Bekämpfung von Armut immer wieder zur Verantwortung gemacht hat.

Als Christen und Christinnen stellt die integrale Mission eine wichtige Grundlage dar: Wir wollen auf die Bedürfnisse von Menschen in ganzheitlicher Art und Weise reagieren inklusive ökonomisch, emotional, geistlich und physisch.

Diese Konferenz lädt dazu ein, genau hinzuschauen: Wie sieht Armut heute aus, weltweit und in der Schweiz? Was wirkt in der Armutsbekämpfung tatsächlich? Wie können wir Vorurteile bezüglich Armut abbauen? Und wie können wir in einer zunehmend komplexen und unsicheren Welt verantwortungsvoll handeln, für eine gerechtere Zukunft für alle?

 


 

[1] Peter Singer, «Famine, Affluence and Morality», in: Philosophy & Public Affairs 1, Nr. 3 (Frühling 1972), S. 229–243, hier S. 229, URL: https://www.jstor.org/stable/2265052, abgerufen am 05.05.2026.

[2] Vereinte Nationen, The United Nations Sustainable Development Summit: 17 Goals to Transform Our World, URL: https://www.youtube.com/watch?v=89tInECFdQ4&t=19s, abgerufen am 05.05.2026.

[3] Vereinte Nationen, SDG Indicators Report 2025 – Goal 1: No Poverty, URL: https://unstats.un.org/sdgs/report/2025/Goal-01/, abgerufen am 05.05.2026.

[4] Kristina Lanz, «Politik der starken Männer auf Kosten der Schwächsten», in: Alliance Sud, URL: https://www.alliancesud.ch/fr/rearmement-au-lieu-de-developpement-politique-au-detriment-des-plus-faibles, abgerufen am 23.02.2026.

[5] Salomé Richir-Haldenmann, «Die Aufstockung der Verteidigungsbudgets ist ein Vorbote des Krieges, nicht des Friedens», in: StopArmut, URL: https://stoparmut.ch/die-aufstockung-der-verteidigungsbudgets-ist-ein-vorbote-des-krieges-nicht-des-friedens/, abgerufen am 05.05.2026.

[6] Tearfund, Understanding Poverty – Restoring Broken Relationships, 2019, S. 8.

[7] Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache, Stichwort «arm», URL: https://www.dwds.de/wb/arm, abgerufen am 02.04.2026.

[8] Tearfund, Understanding Poverty – Restoring Broken Relationships, 2019, S. 6–7.

[9] Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch I, 1096a9.

[10] Jasmin Weber, «Die Psychologie der Armut», in: Psychologisches Institut der Universität Zürich, Entwicklungspsychologie: Erwachsenenalter, URL: https://www.psychologie.uzh.ch/de/bereiche/dev/lifespan/erleben/berichte/Die-Psychologie-der-Armut.html, abgerufen am 02.04.2026.

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