Frieden anstreben
Ich glaube: Alle Menschen wünschen sich Frieden. Sicher gibt es auch Menschen, die vom Unfrieden oder Krieg profitieren wollen, aber ich vermute, dass sie für sich und ihr Umfeld trotzdem Frieden wünschen. Ich glaube sogar, dass sich auch die Mächtigen der Welt Frieden wünschen, obwohl sie dann gleich mit dem nächsten Atemzug, einen kriegerischen Angriff befehlen oder Beschlüsse zum Unfrieden weitergeben. Was uns unterscheidet, ist die Art und Weise, wie wir uns vorstellen, dass der Friede geschaffen werden kann. Ich glaube nicht daran, dass Friede durch Gewalt und Macht erreicht werden kann. Meine Erfahrung ist, dass Macht und Gewalt nur Gegenmacht und Gewaltbereitschaft erzeugt. Mit Waffengewalt lässt sich kein dauerhafter Friede erreichen!
Das Problem sehe ich darin, dass die Mächtigen der Welt keine wirklichen Alternativen zu Macht und Gewalt haben, um Frieden zu schaffen. Sie müssen beweisen, dass sie mächtig sind, dass sie sich und ihre Interessen durchsetzen können. Sie müssen ihre riesigen Militärausgaben rechtfertigen können, egal ob sie zur Abschreckung oder dem Angriff dienen. Auch alle ernsthaften Bemühungen um Frieden, die es unter den Mächtigen sicher auch gibt, behalten die eigenen (wirtschaftlichen und politischen) Interessen im Auge. Dafür wurden die Machthaber auch gewählt. Letztendlich fehlt den Mächtigen eine wirkliche Alternative, um Frieden schaffen zu können. Wir dürfen daher nicht erwarten, dass der Friede von den Mächtigen, Halbmächtigen oder Möchtegerne-Mächtigen geschaffen werden kann.
Ein Bild, das uns vorantreibt
Wir brauchen andere Ansätze, die nicht von oben her diktiert werden. In der Bibel finden wir bei Micha und Jesaja ein Wunschbild von Frieden: «Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spiesse zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.» (Jesaja 2,4 und Micha 4,3). Das bedeutet: Weil man nicht mehr weiss, wie man Kriege führt, sind Schwerter und Spiesse nutzlos geworden, so dass man sie für den Ackerbau nutzbar machen kann. Das wäre doch eine Form der Friedensförderung! Schwerter zu Pflugscharen, und Speere zu Sicheln. Kriegswaffen werden nicht nur vernichtet, sondern sogar recycelt. Ein gewaltiges Bild!
Datiert wird der Text ins 9. Jahrhundert vor Christus. Das ist die Zeit, in der das Nordreich Israel von den Assyrern erobert wurde. Die militärische Bedrohung durch die Assyrer, aber auch durch Ägypten war ständig präsent. Mitten in diese gefahr- und gewaltvolle Zeit manifestieren die Propheten Micha und Jesaja dieses Friedensbild. Das ist für mich ein wichtiges Detail: Ein solches Friedensbild hat seinen Ort mitten im Konflikt, in der Auseinandersetzung, im Streit, im Terror, im Blutvergiessen. Die Welt muss also nicht zuerst friedvoller oder heiler werden, damit wir an einer solchen Vision festhalten können. Das bedeutet aber auch, dass diese Vision immer in einer Spannung zur Realität steht. Gerade weil die Realität so gewaltverherrlichend ist, macht es Sinn an einer solchen Vision festzuhalten. Gerade in dunklen Zeiten gilt es, ein Licht anzuzünden. Das können wir eins zu eins in der ehemaligen DDR erkennen: Als die Repressionen hoch waren, haben sich die Menschen an dieser Vision «Schwerter zu Pflugscharen» orientiert. Als die Gewaltherrschaft vorbei war, wurden die Aufnäher mit diesem Bild wieder entfernt.
Es ist entscheidend, dass wir erkennen, dass dieses Bild vor bald 3 Jahrtausenden nicht aufgrund der Realität ausgesagt wurde, sondern gegen die Realität. Das Bild hat seinen Ursprung nicht in der Realität, sondern in Gott. Weil Gott es sagt, bzw. sagen lässt, gibt es diese Vorstellung, dass Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet werden und Speere zu Sicheln. Gott setzt bewusst dieses Gegenbild zur Realität, damit nicht die Realität allein über unser Handeln bestimmt. Indem wir dieses Bild zu unserem eigenen Bild machen, wächst der Wunsch danach in uns selbst und wir fangen an, uns danach zu sehnen. Ähnlich zu einer:m Bildhauer:in tragen wir das Bild des fertigen Kunstwerks in uns. Machen wir also das Bild von «Schwerter zu Pflugscharen» zu unserem eigenen Bild!
Von der Vision zur Realität
Es ist aber sehr herausfordernd, an einer friedvollen Vision in einer nicht-friedvollen Umgebung festzuhalten. Es ist nicht einfach, in einer Zeit, in der militärisch aufgerüstet wird, eine solche Friedensvorstellung zu vertreten. Es ist nicht einfach, in einer Gesellschaft, in der Hassparolen und Fremdenfeindlichkeit zum Alltag geworden sind, anders zu denken, reden und handeln. Es ist nicht einfach schonend und schützend mit der Umwelt umzugehen, wenn damit Einschränkungen im Lebensstandard oder höhere Finanzaufwendungen verbunden sind. Man wird ständig enttäuscht und daran erinnert, dass die Welt ganz anders ist. Ist deshalb das Wunschbild von «Schwertern zu Pflugscharen» falsch? illusorisch? nutzlos? Ich glaube nicht! Jesus lehrt mich in der Bergpredigt, wie dieses Friedensbild Realität werden kann. Allerdings nicht von oben oder aussen, durch die Mächtigen, sondern von unten oder innen, angefangen bei mir.
Jesus lehrt, dass wir in Gottes Friedensreich leben können. Und in der Bergpredigt zeigt er auf, wie das aussehen kann: Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen will, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand eine Meile nötigt, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will. Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen. (Matthäus 5, 39ff.) Es ist mir wichtig, dass wir diese Worte als Verheissung verstehen (das ist dir möglich) und nicht als Bedingung für das Friedensreich (nur wenn du das erfüllst, kannst du Teil des Friedensreichs sein). Durch Gottes Kraft und Geist ist es möglich, nicht mit gleicher Münze heimzuzahlen. Es ist möglich, im Antwort-Email nicht in der gleichen beleidigenden Art zu antworten, wie es verfasst wurde. Es ist möglich, einen Fehler auf sich zu nehmen, auch wenn man ihn nicht begangen hat. Es ist möglich, einen Schritt der Versöhnung auf Ehepartner:in, Kinder, Eltern, Arbeitskolleg:innen oder Nachbar:innen zu tun, obwohl man keine entsprechende Reaktion erwarten kann. Es ist möglich, die eigenen Interessen nicht zum Massstab für alle zu machen, sondern die Hand zur Versöhnung auszustrecken, weil der Friede wichtiger ist als die eigenen Interessen. Es ist möglich, die Schöpfung zu bewahren, obwohl es viel einfacher, günstiger und praktischer wäre, keine Rücksicht zu nehmen. Es ist möglich…
Das klingt ein wenig lebensfremd. Ich gebe es zu. Aber so sind Friedensbilder. Sie setzen nicht bei der Realität an, sondern bei Gott. Und Gott ist es auch, der uns Kraft gibt, ab und zu einen solchen Schritt zu wagen. Das ist nicht einfach. Aber so ist es auch beim Umschmieden von Schwertern zu Pflugscharen. Es braucht Kraft und Ausdauer. Und beides wird uns von Gott durch sein Reich zur Verfügung gestellt. Wir brauchen also nicht nur auf unsere eigene Kraft zu zählen, sondern können auch mit der Kraft Gottes rechnen, die uns darin unterstützt.
Was Mächtigen der Welt nicht gelingt, kann trotzdem Realität in unserem Leben werden: Frieden wird zur erlebbaren Wirklichkeit.

Der Autor:
Markus Bach-Hochuli
Pfarrer der Evangelisch-methodistischen Kirche Winterthur


