Studium zwischen Theorie und Praxis
Alltag an der Uni: zwischen theoretischen Vorlesungen, Gruppenarbeiten und unzähligen wissenschaftlichen Artikeln schlägt man sich mit hypothetischen Problemen herum. Themen und Herausforderungen, die für uns in Europa zentral und relevant erscheinen, werden zur Genüge betrachtet. Doch für meine Masterarbeit sollte es anders werden. Ich wollte etwas tun, das Sinn ergibt. Eine Arbeit schreiben, die über die universitären Grenzen hinausgeht. Ich wollte mich um ein richtiges Problem kümmern.
An der Schnittstelle von Architektur, Klima und dem humanitären Sektor
Die Schnittstelle zwischen Architektur, bezahlbarer und saubere Energie, Klimawandel und Klimaresilienz, Nachhaltigkeit und dem humanitären Sektor bot mir den Anfangspunkt. Denn viele bewaffnete Konflikte haben ökologische oder ressourcenbezogene Ursachen. Wenn Wasser, fruchtbares Land, Energiequellen oder Lebensraum knapp werden und ungleich verteilt sind entstehen Spannungen. Es schien mir daher absurd, dass diese Bereiche oft getrennt voneinander betrachtet werden, obwohl ihre Herausforderungen und Lösungen teilweise so eng miteinander verknüpft sind.
Je tiefer ich mich mit der Thematik beschäftigte, desto stärker rückte der Begriff der Umweltgerechtigkeit (engl. environmental justice) in den Vordergrund. Reflektiert wird dabei die Ungerechtigkeit, dass die Vorteile einer starken Wirtschaft und die irreversiblen Auswirkungen des Klimawandels auf Gesellschaft und Umwelt ungleich verteilt sind – die am stärksten gefährdeten Gebiete und sozialen Gruppen sind am stärksten betroffen. Häufig sind Länder, welche unter einer besonders hohen Verwundbarkeit bezüglich der Folgen vom Klimawandel leiden auch genau die, welche die grössten Hürden haben, sich an das neue Klima anzupassen. Vor allem Herausforderungen im Gesundheitssystem, in der Ernährungs- und Wasserversorgung wie auch bedrohte Ökosysteme und unzureichende Infrastrukturen führen dazu, dass jene Länder zukünftig besonders unter dem Klimawandel leiden werden. Hinzu kommt eine fehlende Anpassungsfähigkeit, verursacht vor allem wegen sozialer, wirtschaftlicher und politischer Schwierigkeiten. (gemäss https://gain.nd.edu/our-work/country-index/)
Wie können wir über nachhaltige Entwicklung sprechen, ohne die Menschen zu berücksichtigen, die am stärksten unter den Folgen des Klimawandels leiden – und damit auch einem erhöhten Risiko für Konflikte in diesem Bereich ausgesetzt sind?
Datenlücken, Unsichtbarkeit und Herausforderungen der Forschung
Ein intrinsischer Gerechtigkeitssinn hat mich dazu bewegt, den Blick auf jene zu richten, die normalerweise übersehen werden. Ich habe mir also die Nationen und Gemeinschaften angeschaut, die am verletzlichsten sind und zugleich am wenigsten Mittel haben, sich anzupassen. Viele davon, wenn nicht alle, sind im Globalen Süden. Doch diese Herangehensweise führte mich schnell in ein Dilemma: Orte zu betrachten, über die kaum jemand forscht, bedeutet auch, dass es dort kaum Daten gibt. Keine wissenschaftlichen Grundlagen, keine Statistiken oder Analysen, welche für eine wissenschaftlich fundierte Arbeit absolut unerlässlich sind. Ich erkannte schnell: Wenn keine Daten existieren, wird auch wenig geforscht. Und wenn wenig geforscht wird, entstehen auch keine neuen Daten. Die Unsichtbarkeit bleibt bestehen, ein Teufelskreis. Und mit der Unsichtbarkeit kommt auch eine Ungewissheit. Ich musste Annahmen treffen, um die Datenlücken zu füllen, doch was, wenn sich meine Annahmen als falsch herausstellen? Eine solche wissenschaftliche Arbeit birgt Unsicherheiten und Risiken, auch für mich. Hätte ich auf stärker entwickelte Nationen im Globalen Süden fokussiert, wäre die Datengrundlage besser, die Arbeit ein garantierter Erfolg. Ein einfacher Ausweg. Doch dann hätte ich genau zu dieser Informationslücke beigetragen, die ich zu füllen versuchte. Das wäre weder gerecht noch wissenschaftlich sinnvoll. Also stellte ich mich der Herausforderung und behielt meinen Fokus auf den verletzlichsten Ländern.
Bestehende Machtungleichgewichte weiter befeuern
Erst im Laufe meiner Arbeit wurde mir bewusst, mit welcher Sensibilität gewisse Schwierigkeiten angegangen werden müssen. Zum Beispiel in Entwicklungsländern können Herausforderungen in Bezug auf Energieeffizienz oder klimawandelresiliente Gebäude nicht einfach mit den gleichen Lösungen beantwortet werden, die in Europa funktionieren. Also genau die Lösungen, welche mir in meinem Studium so zahlreich präsentiert wurden, funktionieren plötzlich doch nicht. Es geht also nicht darum, Technologien zu „exportieren“, sondern die unterschiedlichen Kontexte zu verstehen. Gründe wie Ressourcenknappheit und andere Bauweisen sowie auch ökonomische und soziale Hürden führen zu komplexeren Problemen, welche anderen Lösungen bedürfen.
Im Rahmen meiner Forschung wurde mir daher bewusst, dass Wissenschaft und Praxis das Potenzial besitzen, bestehende Machtungleichgewichte, Spannungen und Ungerechtigkeit weiter zu befeuern, etwa durch das Überstülpen externer Lösungen, durch das Fehlen lokal-partizipativer Prozesse oder durch neue wirtschaftliche Abhängigkeiten. Die Forschung zur Umweltgerechtigkeit ist in diesem Sinne nicht nur ein Nachhaltigkeitsthema, sie ist auch eine Form der Konfliktprävention und damit eine Friedensfrage.
Vernakuläre Architektur
In der Architektur und im nachhaltigen Bauen gibt es heute Bewegungen, die fordern, dass wir im Globalen Norden vom Globalen Süden lernen. Denn die Realität ist: Wir werden in Zukunft mit Klimabedingungen umgehen müssen, die dort längst alltäglich sind. Lokal angepasste Architektur wird so auch zu einer Strategie der Resilienz und damit des Friedens. Wir sollten also beginnen, vom Globalen Süden und seiner vernakulären Architektur zu lernen, von jenen Bauweisen, die mit Klima, Material und Kontext im Einklang stehen, anstatt dagegen zu arbeiten. Der Globale Norden zeigt mit «nachhaltigen», glänzenden Glasfassaden und High-Tech-Lösungen ein falsches Bild von nachhaltiger Architektur. Wieso sollte sich der Globale Süden dies als Vorbild nehmen oder weshalb sollten wir unsere Lösungen exportieren.
Die Brille des globalen Nordens ablegen – (hoffentlich) ein Beitrag zu mehr Frieden
Es wäre falsch, zu sagen, ich hätte diese Denkweise gemeistert. Denn im Prozess meiner Arbeit fiel auch ich immer wieder in alte Denkmuster zurück: Oft fragte ich mich, wie lösen wir dieses Problem hier? Hier, in Europa, mit soliden Forschungsgrundlagen, gesicherter Finanzierung, und stabiler Infrastruktur. Doch mein „Hier“ sollte ein anderes sein. Was ich mich also frage, ist, ob es mir wirklich gelungen ist, die „Brille des globalen Nordens“ abzulegen und das Thema aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Vielleicht besteht ein Teil der Aufgabe darin, das bereits Bekannte zu verlernen, um sich offener auf einen so sensiblen Kontext einzulassen. Wenn die Umsetzung von Massnahmen und Lösungen im globalen Norden schon komplex ist, dann müssen sie anderswo sicherlich auf ganz neue Weise gedacht werden.
Am Ende meiner Masterarbeit im Kontext des globalen Südens frage ich mich also: Habe ich es zu sehr mit den Augen des Nordens gesehen? Oder konnte ich durch den Versuch, trotz aller Hürden, nach wissenschaftlich hohen Standards zu arbeiten, den Verletzlichsten im wissenschaftlichen Bereich, eine Plattform zu geben und so ein Stückchen zu mehr Frieden beitragen? Das hoffe ich zumindest.
Die Autorin: Damaris Eschbach besitzt einen Master in Integrated Building Systems (MIBS) von der ETH Zürich.



