«Geflüchtete Menschen zeigen uns, wie zerbrechlich unser Leben ist.»

Pfarrer Winkler deckt vier gängige Missverständnisse bezüglich Migration auf und erklärt wie Asyl und Ökologie zusammenhängen.

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Daniel Winkler
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4 April 2024
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Zusammengefasst von Lukas Gerber, StopArmut

Pfarrer Daniel Winkler stellt zu Beginn seines Referats die Frage, woran wir beim Wort Migration denken und mutmasst an Flüchtlinge. Kritsch gibt er zu bedenken: «Migration ist viel mehr als bloss Flüchtlinge.» Winkler umreisst in seinem Referat zuerst vier gängige Missverständnisse bezüglich Migration. Anschliessend zeigt er Handlungsmöglichkeiten auf.

Zum ersten Missverständnis: Das Asylchaos

«Wir haben in der Schweiz kein Asylchaos» stellt der in der Flüchtlingsarbeit engagierte Pfarrer fest. Derzeit belasten 65´000 aus der Ukraine Geflüchtete immer noch stark unsere Asylstrukturen. «Deshalb fehlen Unterkunftsplätze, wenn aussereuropäische Flüchtlinge in die Schweiz kommen» sagt Winkler. Das seien Herausforderungen, aber Asylchaos sei ein völlig falsches Wort. Problematisch sei eine verzerrte Wirklichkeit aufgrund statistischer Zahlen: 2023 waren ein beträchtlicher Teil der Asylgesuche etwa Doppelgesuche oder Familiennachzüge – diese Asylanträge werden nicht genauer spezifiziert und plustern Zahlen auf.

Zum zweiten Missverständnis: Arbeitsmigration und Asylmigration

Winkler stellt fest: Häufig wird beides in der öffentlichen Diskussion vermischt: Asylzuwanderung und Arbeitszuwanderung werden in einen Topf geworfen. Tatsächlich denken viele Menschen beim Wort Migration irrtümlicherweise zuerst an Geflüchtete, obwohl das grösste Stück des Migrationskuchens die Arbeitszuwanderung betreffe. Hauptgrund für den Zuwachs ausländischer Arbeitskräfte sei die grosse Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt.

Zum dritten Missverständnis: Kriminelle Flüchtlinge

Winkler fragt in die Runde: «Sind Ausländer krimineller als Schweizer?» Tatsächlich liege der Anteil der Gefängnisinsassen bei ca. 50% Ausländern. Einbruchsdiebstähle von Menschen aus Maghrebstaaten haben überproportional zugenommen – dies lasse sich nicht schön reden. Jedoch sollte beachten werden: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein männlicher, junger, mittelloser Ausländer ohne Bildung ein Verbrechen begeht, sei genau gleich hoch wie bei einem Schweizer mit denselben Voraussetzungen. Winklers Schlussfolgerung: Die Nationalität ist nicht massgebend für Straffälligkeit, sondern z.B. Gründe wie Armut.

Zum vierten Missverständnis: Sind Flüchtlinge faul?

Basierend auf der Sozialhilfequote im Flüchtlingsbereich, die zwischen 80% und 90% schwankt, fragt er: «Sind Geflüchtete weniger fleissig oder sogar faul?» Winkler erklärt: Wer in einem Jahr mindestens einen Tag Sozialhilfe beansprucht hat, findet Eingang in die Sozialhilfestatistik. Im Jahr 2022 kamen ungefähr 100’000 Flüchtlinge in die Schweiz, davon 75’000 aus der Ukraine. Rasche Sprachkenntnisse und Ausbildungen seien Schlüsselfaktoren, um sich zu integrieren. Dies brauche aber Zeit und erfordere grosse Anstrengungen. Interessant sei aber der Fakt, dass von den Sozialhilfebeziehenden ungefähr ein Drittel arbeitet, ein zweites Drittel der Sozialhilfebeziehenden Kinder sind und ein weiteres Drittel Erwachsene sind, die vollständig Sozialhilfe beziehen. Anhand dieser Zahlen findet Winkler klare Worte zu der Sozialhilfequote bei Geflüchteten: «Diese Zahl bei Geflüchteten ist eine nutzlose Ziffer ohne Aussagekraft. In Geflüchteten pauschal faule Menschen zu sehen, ist eine Frechheit.»

Wie hängen Ökologie und Asyl zusammen?

Winker äussert: «Wir Menschen sind eine grosse Schicksalsgemeinschaft und es kann uns nicht gleichgültig sein, was in anderen Ländern dieser Welt passiert.» Die Rohstoffe, die wir für westliche Technologien nutzen, kämen selten der dortigen Bevölkerung zugute und landen stattdessen in den Händen einer korrupten Elite. Nicht zuletzt werde eine intakte Natur zugunsten von Wachstum zerstört.

In der Bibel finden wir 53 Appelle, mit Fremden anständig umzugehen, gibt der Theologe zu bedenken. «Für Geflüchtete ist es besonders wichtig, etwas Sinnvolles zu tun», hält Winkler fest. Seine eigene Kirchgemeinde half mit, gemeinnützige Beschäftigungsprogramme in öffentlichen Institutionen vor Ort zu lancieren. Er zählt Handlungsmöglichkeiten für Geflüchte auf:

  • Unterstützung und Entlastung des Personals in Alters- und Pflegeheimen
  • Mitarbeit in Gartenprojekten wären sehr geeignet
  • Es besteht die Idee, im Gantrischgebiet Alpweiden zu säubern und Wege instand zu stellen
  • Für die biologische Landwirtschaft, die auf viel Handarbeit angewiesen ist, könnten auch niederschwellige Beschäftigungsprogramme eingerichtet werden

Zum Schluss hält Winkler fest: «Geflüchtete Menschen zeigen uns, wie gefährdet und zerbrechlich unser Leben ist.»

1h ECO-RUNDE ist ein regelmässiges stattfindends online Format von Eco Church Network, ein Projekt von StopArmut. Ziel ist es, einen kurzen Impuls zu jeweils einem ökologischen Aspekt zu erhalten, Ideen auszutauschen und sich gegenseitig zu inspirieren, damit es nicht nur beim Wissen bleibt.

Der Vortrag fand am 21. März 2024 im Rahmen der 1h ECO-RUNDE statt.

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