Schöpfung entdecken und nachhaltig reisen

„Ich reise viel“ gibt Riki Neufeld, Pastor der Evangelischen Mennonitischengemeinde in Basel mit seiner Selbstreflexion über sein Reiseverhalten zu. Dabei versucht er sein Reisen auch aus einer theologischen Perspektive zu beurteilen.  

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Riki Neufeld_Reisen_web
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8 Februar 2024
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Geben, Leben

Der Bericht von Riki Neufeld ist eine ehrliche Selbstanalyse und ein spannender Weg, wie heutige (theologische) Erkenntnisse zu einer Neubeurteilung des bisherigen Verhaltens führen können. Viel Spass und Inspiration beim Lesen!

Ich reise viel. In unser Wohnung hängen zwei “Scratch Maps”, Weltkarten, bei welchen man die Länder frei rubbeln kann, die ich im Leben schon bereisen durfte. Meine Frau und ich haben auf je einer Karte um die Wette gerubbelt, und bis jetzt hat sich gezeigt, dass ich mit 40 bereisten Ländern, knapp vorne liege. Zwei Jahre Corona und unsere erste Tochter, die im Herbst 2020 geboren ist, haben das Reisen beachtlich eingeschränkt. Nachdem die Pandemie Mitte Februar 2022 in der Schweiz als offiziell beendigt erklärt und alle Massnahmen aufgehoben wurden, schien eine Woche lang das Leben sich langsam wieder in Normalität zu zeigen und schon fast glaubte man hierzulande, zu dieser “Normalität” würde auch das Reisen zurückkehren. Dann brach der Krieg Ende Februar in der Ukraine aus.

Nachdenken über nachhaltiges Reisen

Mit dem Krieg, der mit einmal so nahe ist und uns in vielerlei Ungewissheiten führt, frage ich mich, wie ich in dieser Situation überhaupt über nachhaltiges Reisen nachdenken kann? Da kommt mir Dina in den Sinn. Ich habe sie auf einer Reise in der Ukraine als jugendliches Mitglied einer mennonitischen Gemeinde kennengelernt, die wir mit einer Gruppe von Schweizer Jugendlichen vor 9 Jahren besuchten. Das Land war uns völlig fremd, aber die Glaubensgeschwister, denen wir dort begegneten, öffneten uns ihre Herzen. Sie zeigten uns die Schönheit von ihrem einfachen und kleinen Dorf. Seit knapp einer Woche ist Dina nun bei uns in der Schweiz, geflüchtet vom Krieg mit einem Koffer in der Hand und einem Kätzchen im Arm. War die Reise in die Ukraine damals möglicherweise doch etwas nachhaltiger als gedacht? “Nachhaltiges Reisen ist ein persönlicher Entwicklungsprozess und keine Hauruckaktion” schreibt Christoph Schulz in seinem empfehlenswerten Buch “Nachhaltig Reisen für Einsteiger” und damit bringt er auch meine Erfahrung mit dem Reisen auf den Punkt.

Unser Verständnis und unser Herz erweitern

Jahrelang war mein grösstes Hindernis, um in den Flieger zu steigen und die Welt zu erkunden, die sehr begrenzten Finanzen, die mir dafür zur Verfügung standen. Dann wurde der Flugverkehr immer billiger und mein Einkommen etwas stabiler, und plötzlich wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass die sogenannten “Billigflieger” möglicherweise doch nicht einfach als Geschenk des Himmels zu deuten sind. Sie haben ihre Schattenseiten, die man als Liebhaber von Gottes Schöpfung heute nicht mehr ignorieren darf. Nun bin ich bei der Spannung, die mir in den letzten Jahren zu schaffen macht. Da ist einerseits dieser Welterkundungsdrang, der uns durch die Reisemöglichkeiten unserer Zeit relativ einfach in ganz andere Länder und Lebenswelten eintauchen lässt, und wir von der Schönheit unbekannter Landschaften und fremder Kulturen für einen Moment verzaubert werden dürfen. Dabei geht es ja gar nicht mal nur um Verzauberung, sondern auch um Horizonterweiterung. Alexander Humboldt soll gesagt haben: “Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung derer, welche sich die Welt nie angeschaut haben.” Neben dem erholsamen Abtauchen in andere Welten, gibt uns also das Reisen die Chance, die Welt in ihrer Unterschiedlichkeit zu betrachten und unser Verständnis wie auch unser Herz zu erweitern.

Sanfter Tourismus

Zum anderen liegen uns heute erschreckende Daten vor, die zeigen, dass unsere Urlaubsgewohnheiten immense zerstörerische Spuren hinterlassen. Der erhöhte Flugverkehr mit dem dazugehörenden CO2 Ausstoss ist dabei nur einer der schädlichen Folgen für die Schöpfung. Besonders der Massentourismus ist dafür verantwortlich, dass sich an vielen Orten der Welt ganze Landschaften verändern. Wälder und Naturstrände müssen Platz machen für grössere Flughäfen, Hotelanlagen und Ressorts. Diese werden oft von internationalen Korporationen gebaut und geführt und am Ende wenig finanziellen Ertrag vom Tourismus bei der lokalen Bevölkerung hinterlassen. Prinzipiell kann man beim genauen Beobachten feststellen, dass an den Orten, wo sich viele Touristen aufhalten, eher weniger einheimische Menschen wohnhaft sind. Touristische Hotspots zwingen die lokale Bevölkerung oft dazu, neue Wohnorte aufzusuchen.

Um mit dieser Spannung zwischen der Freude am Reisen und den katastrophalen Folgen des Massentourismus besser umgehen zu können, stellt Christoph Schulz in seinem oben genannten Buch, das Konzept vom “sanften Tourismus” vor. Letztlich geht es dabei um das Einüben einer nachhaltigen

Haltung beim Reisen und zwar von der Reiseplanung bis zur Durchführung. Diese Haltung des sanften Tourismus braucht Raum zur Entwicklung, aber sie lässt sich schon früh an folgenden Prinzipien festmachen:

Hohe Verbundenheit mit der Natur

Wer im Alltag darauf achtet, in seinem Konsum und in Verbrauch von Ressourcen naturschonend unterwegs zu sein, sollte diese Haltung auch unbedingt im Urlaub beibehalten. Je touristischer ein Ort ist, desto mehr Müll wird dort auch produziert, welcher wegen mangelnder Entsorgungsanlagen sehr oft im Meer landet. Eine nahe Verbundenheit zur Natur lässt den Reisenden überlegen, wie er vor Ort so wenig wie möglich Plastikmüll produziert. Schon die eigene Trinkflasche und Rucksack können dazu beitragen, dass weniger Plastikflaschen und Tüten die Umgebung verschmutzen.
Ein weiterer Aspekt des sanften Tourismus mit Verbundenheit zur Natur ist die Idee vom “langsamen Reisen”. An einer neuen Urlaubsdestination gibt es oft viel Spannendes zu entdecken. Damit verbunden besteht die Verlockung, so schnell wie möglich von einem Ort zum anderen zu gelangen, unter anderem auch mit Inlandflügen oder stundenlangen Autofahrten. Wer stattdessen mehr zu Fuss oder mit dem Fahrrad unterwegs ist, sieht vielleicht nicht ganz so viel, erlebt sich stärker verbunden mit der Natur vor Ort.

Lieber intensive, statt massive Reisen

Nachhaltigkeit achtet neben den Ressourcen der Natur auch auf die Eindrücke, die der Urlaub auf die Reisenden hinterlässt. Im Westen haben viele Menschen heute die Möglichkeit, regelmässig und für kurze Zeit weit weg in die Ferien zu fliegen und dabei von einer Attraktion zur nächsten zu eilen. Sanfter Tourismus setzt aber einen anderen Schwerpunkt: mehr Qualität und intensiverer Erlebnisse, anstatt möglichst nichts zu verpassen. Konkret bedeutet dies, wenn möglich, für einen Urlaub an einer fernen Destination mehrere Wochen am Stück freizunehmen, dass die Seele Zeit hat, nachhaltige Eindrücke aufzunehmen. Man muss nicht alles gesehen haben, um einen wertvollen Urlaub zurückzublicken.

Berücksichtigung Einheimischer schon bei der Planung

Ein nachhaltiger Tourismus wird immer auch das Wohlergehen der Einheimischen, bei denen er im Urlaub zu Besuch ist im Auge haben. Das Ziel ist die Zufriedenheit der Reisenden wie auch der Menschen im Reiseland. Grosse Chancen auf Zufriedenheit entstehen, wenn schon in der Planung darauf geachtet wird, dass die Einnahmen vom Tourismus in den Urlaubsregionen bleiben und nicht in den Taschen reicher Tourismuskonzerne landen. Das bedeutet unter anderem eine Bevorzugung für Übernachtungen in kleineren Unterkünften und Mahlzeiten in lokalen Restaurants zu bevorzugen statt in grosser internationalen Restaurantketten.
Wenn ich auf mein eigenes Reiseverhalten achte, dann ist mir bewusst, dass ich nach wie vor überdurchschnittlich viel um die Welt reise, nicht zuletzt, weil meine Familie wie auch enge Freunde auf der ganzen Welt verstreut leben. Dennoch hat sich Schritt für Schritt die Haltung des sanften Tourismus in meinem Leben ausgebreitet. Damit ich meinen Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung mache, möchte ich auch in Zukunft vermehrt darauf achten, dass meine Reisen immer nachhaltiger werden.

Ressourcen für nachhaltigeres Reisen

Webseiten wie www.forumandersreisen.de und www.fairunterwegs.org können gute Hilfestellungen sein, wenn man einen Urlaub plant und an der gewünschten Destination zum Beispiel nachhaltige Unterkünfte finden oder auch Aktivitäten planen möchte, die als ökologisch und fair gegleist sind.

Riki Neufeld * 1984, Leiter der Fachstelle «Jugendarbeit» am Bildungszentrum Bienenberg

Bild: Riki Neufeld mit seiner Frau auf einer Zugreise durch Vietnam.

Der Artikel wurde zuerst im Mennonitischen Jahrbuch 2023 publiziert und von Riki Neufeld und Kurt Kerber für die Nutzung auf unserer Website genehmigt. Herzlichen Dank dafür! 

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